Nach großem Streit im Elternhaus
Der Sohn will fliehen, will schleunigst raus
Fühlt sich beschnitten & unverstanden
Hat satt die Sitten & die Verwandten
Er will das Eigene fürs eigene Wohl
Lässt sich nicht zähmen, dreht lieber hohl
Will ausprobieren die vielen Dinge
Den Kopf verlieren, ziehen aus der Schlinge
Er will erleben, Genüsse kosten
Sich fortbewegen & nicht verrosten
Er will die Grenzen strapazieren
Die eig’nen Träume etablieren
Will keine Ordnung, nur Anarchie
Und noch viel weniger Diplomatie
So strebt er nach dem Ziel, zu lernen
Um eins zu werden mit allem Fernen
Er flieht um seines Willens willen
Um seinen Abenteuerdurst zu stillen
Ihn treibt die Sehnsucht, die eigene Rolle
Im Spiel des Lebens frei von Kontrolle
Als wolle er die Macht erwerben
Im eigenen Reich, oder als Märtyrer sterben
Die Eltern traurig wie sie jetzt sind
Trauern gemeinsam um das fliehende Kind
Weil sie es lieben, müssen sie’s erlauben
Ihn frei sein lassen & nicht berauben
Er kann ja kehren zurück bei Zeit
Die Tür steht offen sperrangelweit
So weit, so gut, nichts mehr im Wege
Endlich entbunden der heimischen Pflege
Bereit, um jeden Fehler selbst zu machen
Um später selbst selbstlos zu lachen
Gesagt, getan, ein erster Schritt
Raus aus der Tür, niemand darf mit
Die Reise beginnt mit flauem Magen
Schon vor der Reise tausend Fragen
Nichtsdestotrotz, es ist beschlossen
Die Eltern zitternd in den Arm geschlossen
Ein Kuss zum Abschied der treuen Mama
Die Hand wirkt weicher des Herrn Papa
»Adieu!« hört man, die Tränen sich stauen
Es brechen Herzen, nicht nur der Frauen
»Macht’s gut, ihr Beiden, ich bin soweit
Ich komm’ zurück, zur rechten Zeit …«
(Auszug aus: Wenn Stille spricht …)

